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Sonntag, den 01.05.2005
Ein herrlicher Tag in jeder Hinsicht. Die Sonne schien, es war endlich mal wieder richtig warm und es ging mir einfach nur gut. Vormittags war ich mit den Kindern in der Eisdiele und am Nachmittag durfte ich mit Uwes -kleinen Schwarzen- ein paar Runden drehen. Dann haben wir alle zusammen gegrillt und das super Wetter genossen. Die Kinder spielten zusammen im Garten und wir Erwachsenen gönnten uns ein gutes Glas Wein. Weil alles so schön war wurde es auch etwas später. Ich hoffe die Kinder kommen morgen aus den Federn. Nach den Anstrengungen der letzten Tage bin ich für diesen Tag sehr dankbar.
Montag, den 02.05.2005
Heute habe ich eine Menge gemacht. Ich habe z.B. den Rasen gemäht. Jetzt werden einige denken: toll, er hat den Rasen gemäht, na und? Normalerweise ist dies auch nichts Besonderes. Für mich bedeutet das eine Leistung zu erbringen, wie dass ablegen eines 20 km Leistungsmarsches, als gesunder Mensch. Mein Körper ist einfach geschwächt nach 6. Chemos. Man kann sich das auch immer sehr schwer vorstellen, wenn man mich sieht. Ich sehe ja, bis auf die Haare, ganz normal aus und nicht krank. Doch selbst wenn ich zu Hause mit den Kindern kurz rumalbere, brauche ich hinterher die doppelte Zeit, um mich wieder zu erholen. Abends im Bett habe ich mein üblichen rauschen. Es ist mir schon so widerwärtig vertraut, dass ich es kaum noch erwähne. Das Ende der Chemotherapien wird mich hoffentlich bald davon befreien und mir auch meine Fingerspitzen wiedergeben.
Freitag, den 06.05.2005
Die letzten Tage waren nicht gerade ereignisreich. Auch den Vatertag habe nur für einen kurzen Frühschoppen genutzt. In mir steckt noch dieses Schlappheitsgefühl bei dem man am liebsten nur auf der Couch liegen möchte.
Montag, den 09.05.2005
Der gestrige Muttertag ist nicht gerade optimal verlaufen. Es gab mal wieder ein paar Unstimmigkeiten zwischen den weiblichen und männlichen Familienmitgliedern. Zum Glück hatte sich die Situation am darauf folgenden Tag entschärft.
Nachdem ich wieder einen langweiligen Tag verbracht habe, an dem mir wieder mal bewusst wurde, dass ich langsam zu einem unnötigen Mitglied unserer Gesellschaft mutiere, freute ich mich darauf dass Claudia von ihren Erledigungen nach Hause kam. Früher wartete sie stets auf meine Heimkehr, jetzt bin ich derjenige der den Tag mit warten verbringt. Selbst das versorgen der Kinder ist nicht wirklich eine Herausforderung, die mich auf dauer ausfüllen kann. Auf der anderen Seite, wenn ich aktiv was tue bin ich gleich wieder kaputt und ringe nach Luft, selbst wenn ich nur auf den Boden klettere, um mich an den Schreibtisch zu setzen. Aber ich habe schon eine Idee wie ich mich zukünftig beschäftigen kann und einen nutzen wird es auch haben. Allerdings werde ich erst nach unseren Pfingsturlaub damit beginnen. Am Abend war ich mit Claudia noch im Carlson. Es ist eine Ewigkeit her, dass wir mal zusammen in der Woche weg waren.
Dienstag, den 10.05.2005
Ich habe eine ätzende Nacht hinter mir. Kurz nach drei wurde ich wach und konnte einfach nicht mehr einschlafen. Ich las ein paar Seiten in einem Buch, dann versuchte ich wieder einzuschlafen. Irgendwann gelang es mir dann auch. Es macht einen Wahnsinnig, wenn man schlafen möchte und nicht kann. Ich stand dann 8:30 Uhr auf. Da ich heute nicht zum Arzt musste (3-mal in der Woche ist ja Blutabnahme), fuhr ich nach IKEA. Dort musste ich wieder feststellen, dass ich nicht in diese Einkaufswelt gehöre. Woher kommen nur all die Leute? Ich habe mich dann entschlossen, doch nichts zu kaufen. Manche Dinge überlasse ich besser Claudia. Vielleicht seid ihr gelangweilt von diesen banalen Themen, vielleicht entsteht in euch schon ein richtiger Heißhunger auf neue Meldungen, in denen ich über Schmerz und Leid berichte. Es wäre niemanden übel zu nehmen, da es die Natur des Menschen ist solche Dinge als wesentlich interessanter zu empfinden als banale Alltagssituationen. Ich teile dennoch diese Dinge mit, um den Kindern und auch mir selbst für später zu dokumentieren, dass meine Krankheit nicht ständig mein leben und denken bestimmt. Obwohl das mit dem Denken nur eingeschränkt stimmt. Denn daran denken muss man jede Minute seines Lebens.
Donnerstag, den 11.05.2005
Langsam muss ich eine Diät anfangen. Heute habe ich faßt 75 kg auf die Waage gebracht. Ich passe kaum noch in meine Sachen rein. Ausgerechnet heute bekommt Jonas Fieber, wo wir doch morgen in den Urlaub wollen. Hoffentlich wird er wieder gesund.
Ich schreibe gerade eifrig an einem Erfahrungsbericht während der Chemo. Nach dem Urlaub werde ich ihn euch zur Verfügung stellen. Mein nächster Eintrag wird wohl vor dem 21.05.05 nicht erscheinen. Zum Glück sind wir zum Kinderschützenfest wieder in Wildeshausen. Das erste Mal werde ich Pfingsten nicht miterleben. Damit meine ich das Pfingsten wie es in Wildeshausen gefeiert wird.
Freitag, den 13.05. bis Freitag, den 20.05.05
Bootsfahrt in Holland:
Mit Familie Dekker sind wir nach Sneek in Holland gefahren, um eine Woche Bootsurlaub zu machen. Es war eine traumhafte Woche. Wir hatten Regen, Sonne, blaues Meer und viel Spaß zusammen. Besonders für die Kinder war das ganze der pure Abenteuerurlaub. Wir Erwachsen hatten auch unseren Spaß. Kein Wunder! Hatten wir doch die reinste Luxusyacht mit einer Länge von 15m und einer Breite von 4,95 m. Das war ein Pott! In jedem Hafen blickten die Leute erstaunt zu unserer Yacht. Auch für holländische Hafenverhältnisse ein Prachtexemplar. Über das Ijsselmeer schipperten wir bis nach Amsterdam. Wie gesagt: für die Dekkers und für uns eine unvergessliche Woche, die wir nie vergessen werden.
Samstag, den 21.05.2005
In Wildeshausen ist Kinderschützenfest. Das ist noch mal ein Abschluss zum Gildefest und es wird noch mal richtig gefeiert. Leider bin ich morgens mit 39,6 Fieber aufgewacht. Habe einen rauen Hals und etwas Husten. Der Donnerstag war auf dem Boot doch wohl etwas zu zugig bzw. ich war zu leichtsinnig. Claudia und die Kinder waren am Nachmittag beim Kinderschützenfest. Wie gerne wäre ich dabei gewesen, besonders abends im Zelt. Habe den Tag zwangsweise im Bett verbracht.
Sonntag, den 22.05.2005
Das Fieber ist leicht zurückgegangen. Abends haben wir im Garten gegrillt. Der Husten wird weniger. Ich denke, dass morgen alles wieder o.k. ist.
Montag, den 23.05.2005
Habe nur noch erhöhte Temperatur, Halsschmerzen und Husten. War deswegen auch bei meinem Hausarzt. Ich erhielt Antibiotika und was schleimlösendes. Insgesamt fühlte ich mich heute schlapp und lustlos. Habe zu meinem bedauern wieder nur Fern gesehen. Hoffentlich kann ich diese Nacht besser schlafen, gestern war’s die Hölle.
Dienstag, den 24.05.2005
Habe endlich mal wieder richtig gut geschlafen. Insgesamt geht es mir heute gut. Bin zwischendurch ein wenig Auto gefahren und habe Jonas von der Schule abgeholt. Ich hätte eigentlich erwartet, dass es mir jetzt wesentlich besser geht, da die letzte Chemo schon 4 Wochen zurück liegt. Fühle mich aber noch schlapp. Ich habe richtig Sehnsucht nach so einem Powergefühl was man manchmal hat. So nach dem Motto: Mensch heute mähe ich den Rasen, oder ich räume die Garage auf, oder irgendwas, aber es kommt nichts. Es ist einfach nur leer. Vielleicht wird die Sonne in den nächsten Tagen etwas Energie spenden.
Donnerstag, den 26.05.2005
Die Halsschmerzen sind ganz und der Husten ist fast weg. Es geht mir also deutlich besser. Habe auch häuslich einiges geschafft. Dennoch bin ich nach wie vor enttäuscht über meine körperliche Verfassung. Hätte deutlich mehr Power erwartet, jetzt wo die letzte Chemo doch so lange her ist.
Freitag, den 27.05.2005
Ich war bis 04:00 Uhr morgens wach und wälzte mich von einer Seite auf die andere, bevor ich dann endlich für ein paar Stunden schlaf fand. In so einer schlaflosen Nacht gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Mein Körper hatte wieder dieses gribbeln und rauschen in mir drin. Ich weiß nicht ob es noch Nachwirkungen der Chemo sind, oder ob es die Kombination zwischen vorangegangener Chemo und die Einnahme der Antibiotika ist. Die Nacht über hat mich dieses Gefühl jedenfalls fast zum Wahnsinn getrieben. Ich habe wieder viel über meinen Krebs nachgedacht. Für mich ist es immer so unverständlich, das es keine Möglichkeit der Heilung geben soll. Phasenweise fühle ich mich völlig gesund, dann wiederum, wie aus dem nichts, kommt dieses Gefühl wieder bei dem man sich schlapp, hilflos und krank fühlt. Es gibt bei dieser Krankheit keine Kontinuität. Keine berechenbare gut und schlecht Phase. Das zu erleben, bringt den seelischen Haushalt völlig aus dem Gleichgewicht und belastet einen zusätzlich. Ich stelle in solchen Situationen immer wieder fest, dass die Verbindung zwischen Geist und Körper tatsächlich existent ist. Durch mein positives denken helfe ich meinen Körper alles besser zu überstehen. Mit positiven denken meine ich auch nicht zu denken, dass eine Heilung möglich ist nach dem Motto: wird schon wieder. Mein positives, hilfreiches denken ist einfach die Hoffnung auf mehr Zeit wie angenommen und auch auf eine erträglichere Zeit als angenommen. Allein dieses Hoffen vom Geiste her hilft der Gesamtheit des Körpers so gut es geht fit zu sein, um aktiv am Leben teil zu nehmen. Auch wenn ein ständiges aktives teilnehmen nicht möglich ist so sind es doch entscheidende Momente die ich nicht nur erlebe, sondern selbst mitgestalte. Egal wie alles auch ist, egal wie man auch selber ist, eine Krankheit zerrt an einem und beansprucht die Mitmenschen. Deshalb haben Kranke nicht nur eine Verantwortung gegen sich selbst sondern auch gegenüber ihren Mitmenschen. Ich hoffe, dass es mir immer gelingt dieser Verantwortung gerecht zu sein.
Samstag, den 28.05.2005
Besuch aus Bayern: Jürgen Gläsel ist seit gestern Nachmittag, mit seinem Freund Uwe, bei uns zu besuch. Wir haben gestern von alten Geschichten erzählt und natürlich viel gelacht. Jürgen war einst mein Ausbilder, als ich Kfz-Mechaniker gelernt habe. Ist lange her. Ich habe den beiden ein bisschen Wildeshausen gezeigt. Genau wie ich, finden sie die Stadt sehr schön. Abends haben wir, gemeinsam mit den Dekkers, bei uns gegrillt. Das Wetter war ja auch traumhaft.
Gesundheitlich geht es mir gut. Ich kann wieder schlafen und der eingefangene Infekt ist wohl gänzlich verschwunden. Die Tauben Fingerspitzen sind mir bis heute unangenehm treu geblieben. In der linken Seite habe ich in Hüfthöhe leichte Schmerzen bei Belastung. Geistig bereite ich mich schon auf den kommenden Klinikumaufenthalt vor.
Dienstag, den 31.05.2005
Claudia fuhr mich früh ins Krankenhaus zur Abschlussuntersuchung. Gegen 09:00 Uhr meldete ich mich auf meiner alten Station 53. Da ich diesmal keine Zusatzsleistungen in Anspruch nahm, musste ich mein Zimmer leider mit einem älteren Herrn teilen. Wir hatten uns beide nicht viel zu sagen, so dass das unfreiwillige zusammenleben halbwegs erträglich war. Leider störte er mich durch sein lautes Schnarchen, massiv in meiner Nachtruhe. Außerdem urinierte er im stehen auf unser gemeinsames Kloo, was ich ebenfalls als nicht sehr angenehm empfand. Kurzum, der Typ hat bei mir keine Pluspunkte sammeln können.
Dr. H. untersuchte mich, wie jedes Mal, und schickte mich dann auf meine gewohnte Runde. Ich begann gewohnheitsmäßig beim Lungenfunktionstest, ging dann zum EKG und zum Röntgen. Zum ersten Mal sollte ich heute auch zum Ultraschall. Dort meldete ich mich auch ordnungsgemäß, wurde aber von einer etwas angefassten Ärztin, mit dem Hinweis auf eine vorher notwendige telefonische Anmeldung, zurückgeschickt auf meine Station. Nun gut, mittlerweile bin ich ja ein alter Krankenhaushase und lasse mich durch solche Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe bringen. Überhaupt sehe ich dem jetzigen Klinikaufenthalt mit einer erstaunlichen Gelassenheit entgegen. Es macht viel aus, wenn man schon weiß was einen erwartet.
Der Professor Dr. U. kam nachmittags auf ein kurzes Gespräch bei mir vorbei, und weiter passierte auch nichts mehr. Bis ca 01:00 Uhr philosophierte ich noch vor mich hin und sah fern.
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