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Montag, den 01.08.2005
Dafür dass ich im Dezember Lebenserwartungsaussichten von 6 - 12 Monaten in Aussicht gestellt bekommen habe, habe ich mich bis hierher doch wacker geschlagen. Ich bin stolz auf mich!
Gegen meine Thrombose spritze ich mich nun täglich. Ich hoffe, dass die Spritzen auch helfen. Allgemein fühlte ich mich in den letzten Tagen mittelmäßig. Rückenschmerzen, Schmerzen im Halsbereich und Mattigkeit sind zurzeit meine Probleme. Vermutlich durch meinen Heuschnupfen bekomme ich etwas schwer Luft. Die verstopfte Nase trägt ihr übriges dazu bei. Am Donnerstag bin ich für weitere Untersuchungen im Klinikum. Bis dahin hoffe ich, wenigstens die Thrombose wieder los zu sein.
Heute war ich auch zu der Beschuldigtenanhörung, wegen meiner Mopedfahrt ohne Versicherungsschutz, bei der Polizei. Der Beamte, der die Anhörung durchführte, war sehr in Ordnung und hat auch die richtigen Worte für den Staatsanwalt gefunden. Ich denke ich komme um eine Gefängnisstrafe herum ;-).
Claudia ist wieder fleißig am Arbeiten und ich beschäftige die Kinder ein wenig. Ich vermisse schönes Wetter. Dieser Regenhimmel stimmt mich so melancholisch.
Donnerstag, den 04.08.2005
Zum vereinbarten Termin, um 9:00 Uhr, erschien ich heute zum CT, im Klinikum Bremen Ost. Bereits nach zehn Minuten kam mir die sonderbare Stille in dieser Abteilung merkwürdig vor. Ich ging daraufhin zur Anmeldung der Röntgenabteilung und erkundigt mich nach den Kollegen der CT – Abteilung. Mir wurde nun mitgeteilt, dass das CT defekt sei. Ein typischer „Thomas Schlesier-Tag“ im Klinikum Ost. Bei mir läuft nie was rund. Nicht zum ersten Mal erlebe ich so eine Panne. Panne finde ich allerdings, dass man von niemand über den Defekt informiert wird. Ich hätte dann noch Stunden sitzen können, ohne auch nur von einer einzigen Person wahrgenommen zu werden.
Ich begab mich nun direkt zur nächsten Station, Radiologie. Hier klappte wenigstens alles. Der Doktor spritzte mir mein Kontrastmittel und vereinbarte mit mir eine Wirkzeit von ca. 2 Stunden, für das Mittel. Bis zur eigentlichen Untersuchung hatte ich nun Zeit, noch etwas zu essen und zu lesen. Eindeutige Ergebnisse habe ich noch nicht erhalten, da sich dieser Doktor immer recht bedeckt hält, mit irgendwelchen Aussagen gegenüber Patienten. Meine flüchtigen Blicke auf die Röntgenbilder verheißen mir allerdings nichts Gutes.
Für meine Thrombose hatte ich sechs Spritzen erhalten. Ich erkundigte mich heute sicherheitshalber ob ich noch weitere Spritzungen vornehmen muss, oder ob das reicht. Ich war sehr erstaunt, als man mir mitteilte, dass ich ein viertel Jahr die Spritzen nehmen muss. Man gut dass ich noch mal gefragt habe.
Ansonsten habe ich überall leichte Schmerzen, es wäre zu mühsam alles im Einzelnen zu schildern. Ich ertrage alles mit Fassung.
Freitag, den 05.08.2005
Beim MRT (Aufnahme des Gehirns) hat heute alles geklappt. Ergebnisse habe ich noch nicht.
Montag, den 08.08.2005
Claudia und ich waren vom Samstag auf Sonntag bei Holger in Düsseldorf. Es war ein kurzes, verregnetes Wochenende, trotzdem war es schön.
Donnerstag, den 11.08.2005
Meine Schwester Nadine war, mit ihren beiden Töchtern, für zwei Tage zu Besuch. Viel zu sagen hatten wir uns leider nicht. Zu groß ist unser Altersunterschied und irgendwie haben wir uns im laufe der Jahre aus den Augen verloren. Wäre meine Krankheit nicht, so hätten wir uns vermutlich für Jahre nicht gesehen. Ich finde es sehr Schade, dass wir nie die Chance haben zueinander zu finden. Was bleibt ist auf jeden Fall gegenseitige Achtung und immer ein kleines Lächeln von mir, für meine kleine Schwester und ihre außergewöhnliche Familie. Ich wünsche ihrer Familie alles Gute für die Zukunft und vor allem Gesundheit.
Die letzten Tage waren wieder sehr Ereignisreich. Ruhe gönnen wir uns kaum. Erst Düsseldorf, dann der Besuch meiner Schwester, nebenbei wichtige Kommissorien erledigen, Termine fürs CT organisieren und viel schreiben, das war eine ganze Menge. Bis zu unserer Urlaubsfahrt, am Montag, werden wir ein wenig kürzer treten, um nicht völlig abgebrannt in den Urlaub zu fahren. Mein Rücken ärgert mich sehr. Vermutlich strahlen die Dinger in der Hüfte aus. Ohne Schmerztabletten halte ich es nur bis zum Mittag aus. Mein Magen macht mir auch keine Freude. Hab ich Hunger oder ist mir schlecht. Ständig habe ich so ein komisches Gefühl. Es nervt einfach nur.
Mittwoch, den 17.08.2005
Seit Montag sind wir nun im Urlaub am Timmendorfer Strand, im Maritim Clubhotel. Die Anlage ist sehr schön hier und wir haben das gleiche Zimmer wie zu Ostern bekommen. Heute hatten wir richtig Sonne und haben den Nachmittag am Strand verbracht.
So schön es auch ist, echte Freude oder Entspannung will bei mir nicht aufkommen. Nach jeder Mahlzeit fühle ich mich unwohl. Mein Bauch scheint zu platzen und die Kehle schnürt sich mir zu. Ich bekomme immer schwieriger Luft und muss Husten. Überhaupt denke ich, dass irgendwas im Hals mit ist. Das anstehende CT würde ich gern auch auf die Halsregion erweitern. Im laufe des Tages zwickt es überall mal. Ob es der große Zeh ist, eine Schulter, die Rippen oder der Rücken selbst der Kopf macht sich in regelmäßigen Abständen bemerkbar. Es ist mein letzter Sommerurlaub mit der Familie. Mein Geist ist völlig klar und voller Zuversicht nach wie vor, nur der Körper bekommt immer mehr Macken, die ich einfach nicht ignorieren oder verharmlosen kann. Körper und Geist sollten eine Einheit bilden. Wie wichtig und angenehm das ist, wenn es so ist, erfahre ich erst jetzt. Wir Menschen sind sehr undankbar zu unserem Körper, so lange er fehlerfrei funktioniert und manche gehen mit ihrem Geist ebenfalls sehr sträflich um und lassen ihn verkümmern. Ich war ja selbst so. Wie sehr habe ich meinen Körper geschunden und vergewaltigt. Selbst mein Magengeschwür hatte ich stumpf ignoriert und so getan, als hätte es nie gegeben. Bei soviel Missachtung musste das Böse in mir ja leichtes Spiel haben. Jeden Tag warte ich nun was mich neues Überrascht, welche Signale ich nun von meinem innersten empfangen darf/muss. Vor einiger Zeit waren es noch Tage an denen ich mich wie ein gesunder Mensch fühlen durfte, inzwischen sind diese Empfindungen nur noch auf einige Stunden am Tag reduziert. Deutliche Zeichen dafür mir einzugestehen Es ist der letzte Sommerurlaub. Hoffen werde ich trotzdem auf mehr, aber der nüchternde Realist in mir erinnert mich an die Fakten und den Fortschritt der Krankheit.
Sonntag, den 21.08.2005
Ein schöner Urlaub ist zu ende gegangen. Dass es ein schöner Urlaub war empfand zumindest meine Familie, für mich war es mehr eine Mischung aus Freude, Anstrengung und Nachdenklichkeit. Mein Körper macht mir das Leben immer schwerer. Besonders nach den Mahlzeiten und am Abend quälte mich mein Bauch und ich ringe stets nach Luft. Es überkommen mich wieder heftige Hustenanfälle, wenn ich gerade etwas sagen möchte. Während des Urlaubes war ich mehrmals in der Sauna. Krebs mag keine Wärme und so habe ich mehrere Durchgänge ausgeharrt, um wenigstens ein bisschen das Gefühl zu bekommen, aktiv gegen den Krebs gekämpft zu haben. Ansonsten ist der Kampf gegen den Krebs nur eine psychische Angelegenheit, dessen wahren Erfolg oder Misserfolg nur ein Mediziner einschätzen kann. Täglich aß ich Salate und ging Schwimmen, aber mein Bauch wollte nicht kleiner werden. Der Weg zum Strand, etwa 5 Minuten, war auf der Rücktour eine große Anstrengung, da es bergauf ging. Ich schiebe immer alles auf meinem Bauch, vielleicht hat meine Atemnot aber andere Ursachen. Wenn ich dann so erschöpft bin, fühlt sich mein Bauch an als wolle er gleich platzen.
Manchmal habe ich die Familie alleine los geschickt und im Hotelzimmer ein paar Stunden geschlafen. Vom Balkon aus hatten wir eine super Sicht aufs Meer. Ich habe viel über das Bevorstehende nachgedacht. Am meisten beschäftigten sich meine Gedanken jedoch mit der Vorstellung, wie es ohne mich sein wird. Wie die Familie solche Urlaube gestalten wird und ob diese überhaupt noch möglich sein werden. Eine riesige Trauer überkommt mich, bei der Vorstellung, dass Jonas und Alina den Vater vermissen werden. Vermissen in jeder Beziehung. Auch ihnen wird dann das strenge Wort fehlen, das Rumtoben, der Spaß, die Albernheiten, meine Geschichten von früher die stets mit Worten beginnen: „Wisst ihr das ich früher auch mal ein … war.“. Vom Kapitän bis zum Lokführer oder Rennfahrer bin ich schon alles gewesen, je nachdem was gerade im Fernseher interessant war und wozu ich gerade einen Schwank erzählen wollte. Die Kinder haben das immer geliebt und köstlich gelacht, über meine Flunkergeschichten. Sie werden sie vermissen und das macht mich traurig.
Montag, den 22.08.2005
Heute war ich endlich beim CT. Habe die Aufnahmen auch auf den Halsbereich ausdehnen lassen, da ich dort Schmerzen habe. Genaue Ergebnisse habe ich jedoch noch nicht. Am Freitag treffe ich den Professor. Ich hoffe dort einen genauen Sachstand zu erhalten und eventuell weitere Therapievorschläge.
Mit Jonas habe ich heute ein wenig am Rechner rumgeschraubt. Schade dass er noch so jung ist. Viele Dinge würde ich ihm im EDV- Bereich gerne beibringen, aber dafür ist er einfach noch zu klein. Ich überfordere ihn manchmal schon, mit meinem Bedürfnis wissen weiter zu geben.
Ich bin sehr träge. Es kostet unheimlich Überwindung mich an den Schreibtisch zu setzten und zu schreiben. Aber es muss sein.
Mittwoch, den 24.08.2005
Ich würde gern mal wieder durchschlafen. Gegen 04:00 Uhr werde ich das erste Mal wach. Dann wälze ich mich gut eine Stunde hin und her, bis ich dann nach einer Stunde Schlaf erneut wach werde. Zwischen sieben und neun versuche ich dann mit unterschiedlichem Erfolg, noch eine Mütze Schlaf zu bekommen. Wenn ich im Bett liege denke ich manchmal, ich liege auf einem Knopf oder Stein, weil eine Rippe oder eine Stelle am Rücken so drückt. Dann drehe ich mich um und stelle fest, dass dieser drückende Schmerz aus meinem inneren kommt.
Endlich wieder Sonne in Wildeshausen. Ich bete zu Gott, dass er uns allen noch ein paar sonnige Wochen schenkt. Wir alle haben das verdient.
Donnerstag, den 25.08.2005
Gestern habe ich wieder ein paar Erinnerungsvideos für meine Familie zusammengestellt. Um meine Ergebnisse zu präsentieren, versammelten wir uns am Abend alle im Wohnzimmer und sahen sie uns an. Bei einen der Filme baute ich das Lied ein –Er lebt in dir- aus dem Musical König der Löwen, da Alina dieses Lied sehr mag und es auch vom Thema passte, habe ich es verwendet. Am Ende des Videos fing Jonas, der auf Claudias Schoß saß, auf einmal an zu weinen. Für uns alle war sofort klar weshalb. Es überkam mich nun auch. Alina und Claudia konnten ebenfalls ihre Tränen nicht zurückhalten. Die Kinder sind immer so unbeschwert, fröhlich, glücklich gewesen. Meine Krankheit war zwar auch in den vergangenen Monaten Thema, aber wir Eltern hatten den Eindruck, dass durch unser positives vorleben die eigentliche Tragweite und die folgende Konsequenz etwas in Vergessenheit geraten ist. Claudia und ich haben uns ganz schön geirrt. Unsere Beiden wissen ganz genau was hier bei uns passiert. Wir haben nur nicht erkannt, dass sie so Stark sind und ebenfalls versuchen einen unbeschwertes Alltag weiter zu Leben. Die Wirkung der Bilder hat meinem kleinen den Boden unter seinen Füßen weggerissen. Er lag für eine Zeit kauernd und weinend in Claudias Schoß. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Ich ging dann zu ihm und fragte ob er auf meinem Arm wolle. Er nickte und ich nahm ihn auf den Arm und er klammerte sich so fest an mich und schluckste, dass ich fast nicht mehr konnte. Ich setzte mich mit ihm auf das Sofa und so verhaarten wir eine ganze Zeit. Sein Körper fühlte sich durch sein Nachtzeug so zerbrechlich an. Ich trug ihn dann rauf in sein Zimmer und legte ihn in sein Bett. Mittlerweile hatte er sich wieder beruhigt. Um ihn nicht gleich wieder allein zu lassen, kniete ich mich vor sein Bett und legte mein Kopf ebenfalls auf das Bett und wir sahen uns an. Wir sahen uns lange an bis er plötzlich wieder weinen musste. Ich weinte ebenfalls wieder und so hat Jonas nun das erste Mal in seinem Leben Tränen in meinen Augen gesehen und zwar von Angesicht zu Angesicht.
Ich bin dann später wieder runter ins Wohnzimmer und habe mit Claudia geredet. Was wir alles sagten weiß ich nicht mehr. Es war viel. Und trotz allem waren es auch freudige, schöne Dinge über die wir sprachen. Eines weiß ich seit gestern: In so einer Situation möchte ich so gern helfen und Mut geben, ich möchte so gern sagen: „Keine Angst ich helfe euch.“. Aber ich kann es nicht, weil es nicht wahr wäre und weil es nicht möglich ist. Nichts ist für mich schlimmer als Ohnmächtig in die Zukunft zu blicken, mit der Gewissheit ich kann meiner Familie nicht mehr helfen, ich kann euch nicht trösten, weil jedes Wort des Trostes eine kleine Lüge wäre.
Freitag, den 26.08.2005
Gestern sagte Jonas zu Claudia, dass er im Chor aufhören möchte, um mehr Freizeit mit mir verbringen zu können.
Trotz meines Anrufes im Klinikum habe ich immer noch keinen neuen Befund erhalten. Dies soll Anfang der Woche erfolgen.
Am Abend war ich mit Freunden im Amtshaus. Das war mal wieder ein schöner Abend. Am nächsten morgen hatte ich jedoch leichte Schwierigkeiten.
Dienstag, den 30.08.2005
Jonas fragte Claudia vor ein paar Tagen ob sie mich schon mal weinen sah. Sie sagte ja und Jonas erzählte ihr, dass er sich ganz schön erschrocken hatte, als er mich weinen sah. Er kannte es bisher ja nicht von mir. Ich denke es war mal ganz gut, dass er mitbekommen hat, dass auch ich Traurig sein kann.
Heute war ich kurz bei Dr. Rathmann. Habe mir neue Spritzen besorgt und ein paar Schmerztabletten. Die Schmerzen der Hüfte strahlen heftig in den Rücken rein. Da tut nicht nur jedes Niesen weh, sondern jede unbedachte Bewegung. Nur noch Zähne zusammenbeißen reicht da nicht mehr.
Mittwoch, den 31.08.2005
Der heutige Tag war für die ganze Familie mehr als aufregend. Wir hatten besuch von einem richtigem Kamerateam. Das ZDF hat uns heute den ganzen Tag begleitet um einen Bericht über unsere Familie senden zu können.
Aufregend war auch endlich mal wieder einen neuen Befund vom Professor Ukena direkt zu erhalten. Die Ergebnisse sind leider nicht erfreulich. Kurz zusammengefasst sieht es wie folgt aus: der Hirntumor wurde neutralisiert, der Lungentumor ist weiter gewachsen ebenso die Metastasen in den Knochen. Zur weiteren Therapie schlug mir der Herr Professor die Einnahme eines neuartigen Medikamentes vor. Der Name ist mir im Moment entfallen, ich werde ihn aber schnell in Erfahrung bringen. Das Medikament ist eine Chemotherapie in Tablettenform und so neu, dass es in Deutschland erst in den nächsten Tagen zugelassen wird. Professor Ukena berichtete von sensationellen Erfolgen mit dem neuen Mittel. Es klingt alles sehr hoffnungsvoll und sollte mir dann noch weitere Lebensqualität und –Zeit schenken können. Das ZDF-Team war bei der Besprechung dabei und Interviewte auch den Professor.
Zuhause wurde ich beim ändern meiner Homepage gefilmt und natürlich verschiedenes gefragt. Nach der Schule kamen dann die Kinder und die waren super aufgeregt, besonders Alina. Jonas nahm das alles hin als ob wir täglich eine Kamera im Hause haben. Zum Abschluss wurden noch einige Aufnahmen in freier Natur gemacht. Wir spielten Fußball. Als alles im Kasten war spielte dann Familie Schlesier gegen das ZDF. Natürlich haben wir gewonnen ;-)
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